Abgeschnitten

Hinweise versteckt in Leichen, eine entführte Tochter und eine Comiczeichnerin als provisorische Gerichtsmedizinerin



Autor: Sebastian Fitzek und Michael Tsokos


Erscheinungsjahr: 2012
Verlag: Droemer
393 Seiten
ISBN: 978-3-426-19926-8




Klappentext:
Rechtsmediziner Paul Herzfeld findet im Kopf einer monströs zugerichteten Leiche die Telefonnummer seiner Tochter. Hannah wurde verschleppt – und für Herzfeld beginnt eine perverse Schnitzeljagd. Denn der psychopathische Entführer hat eine weitere Leiche auf Helgoland mit Hinweisen präpariert.
Herzfeld hat jedoch keine Chance, an die Informationen zu kommen. Die Hochseeinsel ist durch einen Orkan vom Festland abgeschnitten, die Bevölkerung bereits evakuiert. Unter den wenigen Menschen, die geblieben sind, ist die Comiczeichnerin Linda, die den Toten am Strand gefunden hat. Verzweifelt versucht Herzfeld sie zu überreden, die Obduktion nach seinen telefonischen Anweisungen durchzuführen. Doch Linda hat noch nie ein Skalpell berührt. Geschweige denn einen Menschen seziert …




Meine Meinung:
Von Fitzek hatte ich schon mal das unheimlich spannende und gut konstruierte Buch „Splitter“ gelesen und auch der Rechtsmediziner Michael Tsokos war mir geläufig, als ich mich für das Buch des Autorenduos entschied. Ehrlich gesagt wusste ich nicht viel über das Buch, nur, dass ich dieses Experiment unbedingt miterleben wollte.
Das Cover ist schlicht, aber ansprechend.
Ich muss sagen, dass ich auf den ersten gut 50 Seiten ein bisschen Schwierigkeiten hatte, in die Geschichte hinein zu kommen. Die „letzten“ 340 Seiten habe ich allerdings in einem Ruck durchgelesen. An aufhören oder einschlafen war nicht zu denken.
Das Buch wechselt die Erzählperspektiven regelmäßig. Der Prolog ist aus der Sicht der 13-jährigen Fiona geschildert. Meiner Meinung nach verwirrt er nur, denn für die weitere Handlung habe ich ihn nicht als weiter wichtig empfunden.
Weiter geht es mit Linda, einer 24-jährigen Comiczeichnerin, die vor einigen Tagen mit der letzten Fähre nach Helgoland gekommen ist, denn ein Sturm wird erwartet und die Insel von der Außenwelt komplett abgeschnitten sein. Dort hat ihr Bruder Clemens ihr ein Haus besorgt, in dem sie vor ihrem Exfreund, der ihr übel nachstellt, sicher sein soll. Sicherheit fühlt sich anders an, wird ihr schnell klar, als verschiedene Zeichen darauf hindeuten, dass sie nicht wirklich allein ist. Der Leichenfund, den sie am Strand macht, trägt nicht gerade dazu bei, dass Linda sich besser fühlt.
Hier kommt der zweite Erzählstrang ins Spiel. Paul Herzfeld ist Rechtsmediziner, spezialisiert auf Gewaltverbrechen. Auf dem Hinweg zur Arbeit begegnet er einem Trupp Bauarbeiter, dessen Kollegen er tags zuvor auf übelste verprügelt hat, um ihn für den Tritt in den Bauch einer schwangeren Hündin zu strafen. So ganz nötig ist diese kleine Nebengeschichte auch nicht, es sei denn, sie soll seine Charakterzüge verdeutlichen.
Wie gesagt, ungefähr ab Seite 60 wird es spannend. Herzfeld hat eine nicht identifizierbare Leiche auf seinem Tisch, der nicht nur die Hände, sondern auch der Unterkiefer fehlt. Bei der Obduktion findet er versteckt im Kopf der Leiche eine Metallkapsel in der sich der Name seine Tochter befindet und eine Handynummer.
Herzfeld wird schnell klar, dass Hannah entführt wurde – und in höchster Gefahr schwebt! Die Polizei darf er nicht einschalten und soll auch sonst niemanden einweihen.
In diesem Moment finden die beiden Protagonisten zusammen. Linda hat ein Handy bei der Leiche am Strand gefunden, das zu Herzfelds Tochter gehört. Um wenigstens herauszufinden, um wen es sich bei dem Toten handelt, wählt sie die einzige eingespeicherte Nummer.
Herzfeld ist ganz aus dem Häuschen, als Linda ihn von dem Toten namens Erik berichtet. Eins kommt zum anderen und bevor sie sich versieht, befindet sich Linda gemeinsam mit dem türkischen Hausmeister Ender in der Pathologie des aufgrund des Sturms leer stehenden Krankenhauses. Unter der telefonischen Anleitung des Professors soll sie den nächsten Hinweis auf Hannahs Verbleib finden. Linda war nicht nur noch nie einer Leiche so nahe… sie hat auch noch nie einen Gedanken daran verschwendet, wie es wäre, eine aufzuschneiden.
So viel erst mal zum Inhalt, ich hoffe ich habe euch nichts vorweg genommen.
Genuss ist für das Lesen dieses Buches das falsche Wort. Zwang trifft es eher.
Auch wenn die Spannung anfangs ein kleines bisschen auf sich warten lässt, ist sie für den Rest des Buches fast schon zu präsent. Wer keine 350 Seiten Spannung am Stück aushalten kann, sollte dieses Buch nicht lesen.
Besonders faszinierend ist es zu sehen, wie sich das Puzzle aufbaut und immer mehr Teile auftauchen. An einem bestimmten Punkt denkt der Leser, dass er das Rätsel schon gelöst hat. Doch dann tauchen neue Teile auf und man steht wieder vollkommen auf dem Schlauch. Das gelingt den Autoren mehrere Male.
Fast jedes Kapitel endet mit einem Cliffhanger, und bei manchen musste ich für einige Sekunden das Buch weglegen, um zu verdauen, was ich da gerade gelesen hatte. Wie gesagt: nur für einige Sekunden, denn ich konnte es auch nicht aushalten, nicht weiterzulesen.
Die Charaktere sind ziemlich gut gelungen. Sie haben verschiedenste Probleme und Eigenschaften, die sie so richtig greifbar machen. Auch das Verfolgen der Beziehung, die sich zwischen Herzfeld und Linda entwickelt ist sehr interessant.
Das Aufeinandertreffen der Beiden auf Helgoland hat mich ein wenig enttäuscht. Meiner Meinung nach fehlt da irgendwas. Schließlich sind sie sich ja eigentlich fremd.
Abgesehen von der wahnsinnig toll erzählten Story hat das Buch eine Botschaft, die mich sehr nachdenklich und betroffen gestimmt hat.
Am Anfang und am Ende des Buches finden sich je zwei kurze Zeitungsausschnitte. In einem wird jeweils ein Sexualstraftäter, der sich an einem Kind vergangen hat zu einer sehr, sehr milden Strafe verurteilt. Der untere Artikel berichtet von Steuerhinterziehern, die bis zu 7 Jahre ins Gefängnis müssen.
Auch in dem Buch selber wird diese Kritik am Rechtsstaat explizit geäußert.
Die Autoren präsentieren auf ihrer Webseite passend zur Comiczeichnerin Linda einen Motion Comic. Dieser erzählt die Geschichte von Danny, Lindas Exfreund und Stalker, und was er ihr angetan hat. Keine Sorge, der Comic nimmt nichts vorweg, reinschauen lohnt sich:  http://ewig-mein.de/
Fazit:
Das Buch ist für alle Nervenkitzelfans und Adrenalinjunkies genau das Richtige. Allerdings gibt es auch Szenen, die aus der Sicht des Vergewaltigungsopfers geschildert werden und hier wird wirklich kein Detail der widerlichen Handlung des Täters ausgelassen. Wer sowas nicht haben kann, sollte die Finger davon lassen.
                                               5 / 6 Herzen

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